Mit der AfD reden – Fortsetzung

Mein letzter Beitrag zur AfD endete mit einer Kapitulationserklärung. “Ich kann es einfach nicht”, schrieb ich damals, Mitte März. “Ich habe es ehrlich versucht, viele Anläufe habe ich gemacht, aber ich schaffe es definitiv nicht, Rechtspopulisten wie die AfD wirklich zu verstehen.” Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher, ob das Verständnis wirklich so wichtig ist. Ich glaube, es ist viel wichtiger, überhaupt miteinander zu reden. Denn
1. wer miteinander redet, schießt nicht. Und nimmt sich
2. überhaupt erst wahr. Und hat dann auch
3. die Chance zu erahnen, warum der oder die andere so denkt.

Denn wenn es stimmt, was Berger und Luckmann von der “gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit” schreiben, ist das Verständnis füreinander ohnehin Glückssache. Und wer dann noch das Gegenüber von der eigenen Meinung überzeugen kann oder auch nur Verständnis dafür weckt, hat schon das große Los gezogen.

Also wollte ich anfangen, nicht über die, sondern mit der AfD zu reden. Mein Problem: Zu meinem Bekanntenkreis gehörte niemand, der sich zu dieser Partei bekannte. Also habe ich unter AfD-Eimsbüttel im Netz geschaut und den Vorsitzenden, Dirk Schömer, einfach mal angemailt. Und er war sehr bereit zu einem Gespräch. Aus verschiedenen Gründen dauerte es noch ein paar Wochen, aber am vergangenen Freitag saßen er und sein Kollege Martin Lemke bei uns im Wohnzimmer. Es wurde ein dreistündiges intensives und offenes Gespräch, in dem es mir vor allem darum ging, die Haltung meines Gegenübers zu verstehen und nachzuvollziehen.

Wie zu erwarten, gingen unsere Meinungen trotzdem auseinander. Und wie ebenfalls zu erwarten, machten sich unsere unterschiedlichen Ansichten vor allem an der Flüchtlingsfrage fest. Während ich nach wie vor der Meinung bin, dass die Politik der offenen Grenze 2015 richtig war, waren Dirk Schömer und Martin Lemke von Anfang an skeptisch bis ablehnend. Und da seinerzeit selbst die konservativen Medien von der Bild-Zeitung bis hin zu Josef Joffe von der Zeit das Loblied der Willkommenskultur sangen, fühlten sie sich in der Öffentlichkeit weder ernst- noch wahrgenommen. Sie misstrauten den Prognosen, dass die Flüchtlinge letztlich ein Gewinn für unsere Wirtschaft sein sollten und befürchteten vielmehr eine Überlastung unserer Sozialsysteme. Und die Diskussion wurde ja auch deshalb verkompliziert, da zwischen einreisewilligen und asylsuchenden Flüchtlingen kaum ein Unterschied gemacht wurde.

Immer wieder wies Dirk Schömer auch darauf hin, dass die Flüchtlinge im Grunde illegal nach Deutschland gekommen sind, wenn man den Grundgesetzartikel 16a und das Dublin-II-Abkommen ernst nehmen würde.

Nun bin ich ja der Meinung, dass die Probleme und Krisen in Afrika und im Nahen Osten wesentlich vom Westen zumindest mit verursacht wurden. Immer wieder wurden auch demokratisch legitimierte Regierungen gestürzt, wenn sie sich unabhängig machen wollten, damit der Zufluss von günstigem Rohöl nicht beeinträchtigt wird. So wurden ganze Regionen destabilisiert. Mit den Flüchtlingen kommen die Ergebnisse dieser Politik nun zu uns.

Diese Zusammenhänge wurden von Dirk Schömer und Martin Lemke nicht so gesehen oder zumindest anders bewertet. Besonders Martin Lemke sieht die Ursache für die Rückständigkeit in der Kultur, genauer in der Religion. Der Islam ist schon vom Ursprung her auf Krieg, Gewalt und militärischer Expansion aufgebaut gewesen, sagt er. Zu seinen Kennzeichen gehören Scharia, Frauenunterdrückung und Dschihad, verstanden als Ausbreitung des Islams mit allen Mitteln. Und mit dem Islamismus kehrt die Religion zu ihren Ursprüngen zurück.

Unsere Kultur dagegen ist geprägt von Freiheit, Toleranz und Nächstenliebe, von Aufklärung und Humanismus. Wir beziehen uns auf einen Religionsgründer, der Mitgefühl und Weisheit gelehrt hat. Damit sind Islam und christlich geprägtes Abendland inkompatibel. Und es ist unsere Aufgabe, unsere Werte zu schützen und zu verteidigen.

Aber, so meine ich, wäre es nicht gerade ein Zeichen von Mitgefühl, Menschen in Not zu helfen? Und wäre es nicht ein Zeichen von Weisheit, Menschen, die in Parallelgesellschaften abzuwandern drohen, versuchen zu integrieren?

Zum Schluss waren wir uns einig, dass wir alle das Beste für das Zusammenleben im Stadtteil wollen. Über die Wege dorthin sind wir uns uneins. Deshalb finde ich es wichtig, weiter miteinander zu reden und zu streiten, damit nicht Ängste und Vorurteile unser Tun bestimmen, sondern die besseren Argumente, die vernünftigeren Überlegungen und professionelles Vorgehen.

 

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